Frau Holle, die uralte Gabenbringerin

Wenn ich die ersten Schneeflocken im Jahr sehe, muss ich immer an Frau Holle und ihre dicken Federbetten denken. „Wenn Frau Holle sie ausschüttelt, schneit es auf der Welt!“ Märchen begleiteten mich durch meine gesamte Kindheit. Und jenes von Frau Holle war eines meiner liebsten. Wie in vielen Märchen steckt in der Geschichte der Betten ausschüttelnden Frau Holle ein Funken Wahrheit. Denn vom alpenländischen Teil Österreichs bis hinauf in den hohen Nord Deutschlands wurde eine Frau Holle einst als Göttin, Königin und Gabenbringerin verehrt.

Die Göttin hinter dem Märchen

Wenn wir dem Frau-Holle-Mythos auf den Grund gehen wollen, müssen wir weit zurück in eine Zeit vor der Christianisierung Europas blicken. Unsere Vorfahren in der Altsteinzeit waren Jäger und Sammler und hinterließen Zeugnisse in Form von Höhlenmalereien und Steinfiguren. In Bezug auf den Frau-Holle-Mythos interessieren uns vor allem die Statuetten. Eine der ältesten ist die „Venus vom Hohle Fels“, die bei Schelklingen gefunden wurde und etwa 40.000 Jahre alt ist. Diese sowie viele weitere Funde von vollplastischen Frauenfiguren aus bis etwa 20.000 vor unserer Zeit lassen auf eine Vorherrschaft der Frau sowie auf einen „Kult der Großen Mutter“ schließen, die als Lebensspenderin und Ernährerin verehrt wurde.

Holle oder Percht im Mittelalter

Es gibt einige mittelalterliche Schriftquellen, in denen der Name Holle auftaucht. Die ältesten stammen aus dem frühen 11. Jahrhundert. Holle wurde darin auch mit Diana und Percht gleichgesetzt. In den „Decretorum libri Burchardi“ beispielsweise gab Bischof Burchard zu Worms Priestern Anweisungen, weibliche Gemeindemitglieder zu befragen, ob sie Frauen kennen, die mit einer Dämonen-Schar namens „Holle“ nachts auf Tieren reiten. Obwohl die Verehrung einer weiblichen Gottheit damals gefährlich war, blieben die Geschichten der Frau Holle noch bis ins 18. und 19. Jahrhundert präsent. Sie wurden vorwiegend mündlich tradiert. Diese gingen weit über die Betten-ausschüttelnde Frau mit großen Zähnen hinaus.

Die Königin Percht

Noch vor etwa hundert Jahren erzählten die alten Leute im österreichischen Salzkammergut von der Königin Percht oder der Göttin Holla. Frau Holle wurde für den natürlichen Verlauf der Jahreszeiten in Zusammenhang gebracht. Sie galt als Vermittlerin von Wissen, wie man nützliche Pflanzen anbaut, um sich mit allem Wichtigen zu versorgen. Und sie prüfte die Herzen der Menschen, in dem sie einem manchmal in Gestalt einer alten Frau an eine Wegkreuzung begegnete. Die Menschen erzählten auch davon, wie sie in den heiligen Nächten rund um Weihnachten mit einer Schar Kinderseelen durch die Landschaft streifte. Besonders die Frauen mit Kinderwunsch stellten Milch und andere Gaben vor das Haus, um die Holle-Schar zu verköstigen. Es war ihnen aber verboten, den Zug der Frau Holle zu beobachten, weshalb sie Fenster und Türen nachts fest verschlossen hielten.

Das Weihnachtsfest im Zeichen der Frau Holle

Besonders zur Winterszeit, wenn die Nächte am kürzesten waren, wurden viele Bräuche mit Frau Holle in Zusammenhang gebracht. Das war noch, bevor es das Christkind, den Nikolaus und die heiligen drei Könige gab. In vorchristlicher Zeit hießen die Nächte vom 25. Dezember bis 6. Januar „Weihenächte“ oder „Mutternächte“. Davor, am 24. Dezember, war die heilige Nacht, auch „Holletag“ oder „Berchtentag“ genannt. Arbeiten mussten in diesem Zeitraum ruhen. Dafür verehrte man die Göttin Holla voller Dankbarkeit. Denn die schenkende Erde gab das ganze Jahr über den Menschen alles, was man für das Überleben im Winter benötigte. Auch die Rückkehr des Lichts zur Wintersonnenwende wurde zu diesem Anlass gefeiert.

Die Gaben der Göttin im Volksglauben

Vor den heiligen Nächten stellten die Menschen Brot und Bier her. Diese galten als die heiligen Gaben der Göttin Holle und die Herstellung war eine ehrenvolle Aufgabe der Frauen. Man backte auch Kekse in Form von Sternen und Monden. Im Volksglauben fuhr Frau Holle mit ihrem Wagen, der von weißen Hirschen gezogen wurde, hoch durch die Lüfte. Zur Weihnachtszeit warf sie ihre Geschenke durch die Schornsteine und sie legte Gaben in die Schuhe und Stiefel, welche die Kinder vor die Tür stellten. Sie hatte auch immer eine Rute mit dabei, mit der Frau Holle jedoch niemanden schlug. Die Lebensrute aus einem immergrünen Zweig nutzte sie zum Segnen von Haus, Hof, Mensch und Tier. Deshalb galt die Rute als Symbol für das Glück.

Die weibliche Gottheit in ihrer dreifachen Gestalt

Am 6. Januar, am Ende der Mutternächte, zog dann Frau Holle in dreifacher Gestalt – in einem weißen, einem roten und einem schwarzen Gewand  –  von Haus zu Haus. Sie segnete die Menschen und schrieb als Zeichen dafür mit Kreide die Initialen „C+B+M“ für „Catharina, Barbara und Margaretha“ über die Türen der Häuser. Dabei handelte es sich um die „heiligen drei Madl“, welche auf die drei Aspekte der Großen Göttin hindeuten.

Unser Weihnachten daheim

Meinen drei Töchter, von denen die Älteste nun 18 Jahre alt ist, wurden zu Weihnachten stets von Frau Holle beschenkt. Und obwohl sie diesen Glauben vor ihren Mitschülern tapfer verteidigen mussten, schrieben sie alljährlich Wunschbriefe an Frau Holle und schüttelten die große Feen-Schneekugel, wenn sie sich ein verschneites Weihnachten wünschten. In diesem Sinnen wünsche ich Euch eine schneeweiße Weihnachtszeit!

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P.S. Dieser Artikel ist zuvor in der Winterausgabe „Schneeweiß“ von HOLUNDERELFE – Zeitschrift für Waldfeen, Textilkünstlerinnen und Kräuterweiber erschienen.

Quellenangaben:

GÖTTNER-ABENDROTH Heide. 2005. Frau Holle und das Feenvolk der Dolomiten: die großen Göttinnenmythen Mitteleuropas. Ulrike Helmer Verlag.

OBERMÜLLER Barbara. Frau Holle, die Gabenbringerin. In: Mathilda – das nicht kommerzielle Frauenmagazin aus Darmstadt. URL: http://www.mathilde-frauenzeitung.de/archiv(1)/085-03frauholle.html.

RATH-BECKMANN Annette. Im Reich der Frau Holle. URL: http://www.goettin-holle.de.

SCHILD Wolfgang. Holda zwischen und jenseits von Göttin und Hexengestalt: eine christliche Geschichte. In: Frau Holle: Mythos, Märchen und Brauch in Thüringen. Freiburg.

WASCHNITIUS Viktor. 1914. Percht, Holda und verwandte Gestalten. Wien.

WOLF, Sybille. 2014. Vorherrschaft der Frau – eiszeitliche Venusstatuetten aus ganz Europa. In: Die Venus vom Hohle Fels. Urgeschichtliches Museum Blaubeuren.

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